Wir wünschen allen Freunden der Horber Schienen-Tage ein friedliches und erfolgreiches Jahr 2018
FachexkursionEisenbahn in Tunesien
Strecke im Wartestand: Kasserine – Sbeitla (– Sousse)
 

Die Strecke zwischen Sbeitla und der Küste ist seit etwa vier Jahrzehnten unterbrochen. Die Bilder der ehemaligen talüberquerenden Brücken mitten im Stausee und an seinem Ostufer sind spektakülär. Das Bild rechts dokumentiert aber auch karge Vegetation, der große Abstand der Olivenbäume hinter der Brücke deutet auf Wassermangel hin. In dieser Gegend regnet es selten. Aber wenn es regnet, dann meist sehr heftig. Die Folge sind plötzliche Überschwemmungen und Erosionsschäden.

So bedrohte der Wadi Zeroud, der Hauptwasserlauf im Zentrum Tunesiens, immer wieder die Stadt Kairouan mit Überschwemmungen. Das mitteltunesische Kairouan war lange Hauptstadt und geistiges Zentrum des Islam. Die Funktion der Hauptstadt hat später das nahe gelegene Mahdia an der Küste und dann Tunis übernommen, als geistiges Zentrum wurde Kairouan von Kairo abgelöst. Trotzdem ist Kairouan eine wichtige Stadt und Schlüsselposition in Mitteltunesien geblieben.

1881, im Jahr der Errichtung des französichen Protektorats, nahm die französische Armee Kairouan ein. Pioniertruppen bauten in dreieinhalb Monaten eine über 60 Kilometer lange Feldbahn (chemin de fer Decauville) von Sousse an der Küste über Kalaa Sghira und Ain Ghrasesia nach Kairouan. Am 3. Februar 1882 brachte der erste Zug Verwundete von Kairouan nach Sousse. 1896 wurde die Bahn von 60 cm auf 1 m Spurweite umgespurt. Damit konnten bereits vor 1900 Züge aus Tunis über die ebenfalls meterspurige Küstenbahn Kairouan ohne Umsteigen oder Umladen erreichen. Kairouan war über Sousse und die Küstenstrecke nicht nur nach Norden sondern auch nach Süden bis Moknine an weitere Häfen angeschlossen.

Noch vor dem ersten Weltkrieg wurde ausgehend von Tabeddit an der Strecke Metlaoui – Redeyef eine Bahnlinie über Kasserine und Sbeïtla nach Ain Ghrasesia an der Strecke Kairouan – Sousse in Betrieb genommen. Mit zunehmender Motorisierung sank nach dem zweiten Weltkrieg die Bedeutung der Eisenbahn. 1959 wurde die Strecke Aïn Ghrasesia – Kairouan eingestellt, ab 1971 gab es auf der Strecke nach Kasserine keinen Personenverkehr mehr. Damals glaubte man, der Verkehr würde bald vollständig auf die Straße verlagert. Angesichts der rasch wachsenden Bevölkerung mußten in dem sehr trockenen Land dringend landwirtschaftliche Flächen bewässert werden. So gab man dem Bau von Stauseen Vorrang vor der Eisenbahn.

Die Sperre von Sidi Saad wurde zwischen 1978 und 1982 in Arbeit rund um die Uhr gebaut. Im Mündungsgebiet der Wadis El Hjal und El Hatab in den Wadi Zeroud war damit die Bahnlinie unterbrochen. Der 82 Meter hohe Damm staut bis zu 120 Millionen Kubikmeter Wasser auf einer Fläche von 17 Quadratkilometern.

Zum Vergleich: Mit der halben Dammhöhe haben der Sylvensteinspeicher am Oberlauf der Isar die gleiche Kapazität auf einem Viertel und die Edertalsperre in Nordhessen die eineinhalbfache Kapazität auf zwei Dritteln der Fläche des Stausees von Sidi Saad.

Für den Sylvensteinspeicher wurde übrigens eine Ortschaft umgesiedelt. Wie er München schützt, so soll der Stausee Sidi Saad Überschwemmungen in der Gegend von Kairouan vermeiden und die Wasserführung des Wadi Zeroud regulieren. Der Stausee ermöglicht zudem die Bewässerung von 4000 Hektar Land. Für Anrainer ist die Wasserentnahme kostenfrei.

Der Autor hatte im Anschluß an die Fachexkursion. Gelegenheit, den derzeit stillgelegten Streckenteil östlich von Sbeitla zu besuchen. Die Bahntrasse ist überraschend gut erhalten und liegt noch weitgehend. Für die heute üblichen Achslasten und Geschwindigkeiten müßte sie allerdings ertüchtigt werden und natürlich gibt es immer wieder lokale Erosionsschäden.

Trotz der Unterbrechung durch den Stausee ist die Bahnlinie Kasserine – Sousse, im Gegensatz zum Abzweig nach Kairouan, noch in ganzer Länge als Strecke 11 im Bestand der SNCFT. Zwischen Kasserine und Sbeitla gibt es regelmäßigen Güterverkehr.

Einheimische haben im Bereich des Stausees Sidi Saad von Vermessungsarbeiten berichtet. Nach den Beobachtungen ist eine nördliche Umgehung des Stausees geplant. Es gibt aber keine offiziellen Aussagen bezüglich eines Wiederaufbaus. Geplant ist dagegen der Wiederaufbau der Bahnlinie Sousse – Kairouan.


alter Abzweigbahnhof
Aïn Ghrasesia heute

nahe der Straße C87
südlich von Kauiroan

die Strecke
im Bereich des Stausees

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Photos, Text und Gestaltung: Rudolf Barth


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